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prolog-Nachtbeben-Kap-NEU

»Emma, wenn ich gewusst hätte, dass dich bereits so ein kleines Abenteuer in Angst und Schrecken versetzt, hätten wir definitiv den Bus genommen.«
»Lach du nur«, antwortete ich und versuchte im Halbdunkel etwas zu erkennen. »Sollte ich das Manöver hier überleben, lasse ich mir von meinem Anwalt eine Gefahrenzulage für diese Verabredung kalkulieren. Und es wird ein richtiger Anwalt sein – keiner von deinen Kommilitonen. Nur damit du Bescheid weißt, was dich erwartet.«
Der gutaussehende Typ hinter mir musterte mich amüsiert, während ich versuchte auf dem nassen Stein nicht die Balance zu verlieren.
»Warte. Nimm meine Hand.« Eine starke, mit feinen Härchen überzogene Hand reckte sich von hinten meiner wankenden Gestalt entgegen. Ich ergriff sie dankbar und registrierte mit einem leichten Bauchkribbeln, dass ihre Finger sanft über meinen Handrücken streichelten, während sie mir den nötigen Halt gaben, um zum nächsten Stein hinüber zu steigen.

Wir waren in der vergangenen Stunde wie zwei Verliebte ziellos durch den Stadtwald geschlendert, hatten uns über Nichtigkeiten unterhalten und überquerten nun, um schnellstmöglich nach Hause zu kommen, einen kleinen Fluss am Waldrand, hinter dem bereits das Universitätsgelände aufragte. Ein kalter Windhauch streifte meinen Nacken und kroch in die Ritze zwischen meiner Bluse und der viel zu großen Jacke, die Josh mir vorhin ritterlich übergestreift hatte.
Seit drei Wochen traf ich mich nun mit diesem ziemlich gutaussehenden Mann, der mich mitten auf dem Campus angesprochen hatte. Am vorherigen Abend hatte ich bis spät in die Nacht mit meinen Freunden meinen zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert und war völlig übermüdet gewesen; deshalb hatte ich auch zunächst überhaupt nicht glauben können, dass dieser attraktive Kerl tatsächlich ausgerechnet etwas von mir wollte, als er hinter mir her gerannt kam.
Doch ausnahmsweise war das Glück mal auf meiner Seite und Josh erklärte mir, dass er sich soeben für einen Zusatzkurs in Angewandter Psychologie eingeschrieben hätte und auf der Suche nach einer gewissen Emma Collard sei, die ihm als Tutorin von dem verantwortlichen Professor Neil Vandermark empfohlen worden war.

Und irgendwann in diesen zwanzig Minuten, in denen Josh mich mit unnachgiebiger Beharrlichkeit um meine Hilfe bat, musste ich mich in ihn verguckt haben.
Josh war mein erstes Date an der Uni. Generell hatte ich mir bisher wenig aus Jungs gemacht.
Wie dumm das doch von mir war, dachte ich und musste lächeln. Es fühlte sich so gut an, jemanden an meiner Seite zu haben, der mich von meinen Studienbüchern weglockte, mich zum Lachen brachte und bei dem ich mich geborgen fühlte.
»Los, das letzte Stück musst du springen, sonst bekommst du nasse Füße!«
Josh lachte, als ich unbeholfen versuchte, den scheinbar riesigen Abstand zwischen mir und dem Ufer ohne Sprung zu überwinden. Mein Fuß tastete in der Dunkelheit immer wieder ins Nichts. »Ich kann überhaupt nicht abschätzen, wie weit das Ufer weg ist. Es ist viel zu dunkel!«
»Es ist nicht weit. Pass auf.«
Ich merkte, dass Josh nun direkt hinter mir auf den glitschigen Stein trat. Dieser kippelte ein wenig ob der neuen Verteilung des Gewichts, rutschte allerdings nicht weg.

»Darf ich?« Ohne meine Antwort abzuwarten löste er seine Hand aus meinem Griff und ließ sie um meine Hüfte wandern. Ein Ruck durchfuhr mich und nur eine Sekunde später fand ich mich liegend in seinen Armen wieder.
»Was tust du da?«
»Ich trage dich rüber, ganz so, wie es sich für einen Gentleman gehört.«
Im Halbdunkel konnte ich das kecke Lächeln erkennen, das seinem klassisch schönen Gesicht entsprang.
Ich konnte mich wirklich glücklich schätzen, dass dieses Prachtexemplar seiner Gattung überhaupt Kenntnis von meiner Existenz genommen hatte. Eins wusste ich ziemlich sicher: Wenn er nicht meine Hilfe als Tutorin gebraucht hätte, hätte er mich sicherlich nicht mal bemerkt, so komplett außerhalb seiner Liga spielte ich.
»Halt dich bereit«, forderte er mich lächelnd auf, dann stieß er sich mit den Füßen auf dem Stein ab und für eine Sekunde flogen wir durch die Luft –geradewegs in das trockene Schilf, das direkt am Ufer wuchs.
»Das war knapp«, stellte ich erschrocken fest, als meine Hand sich abstützen wollte und dabei ins Wasser griff.

»Aber du bist trocken und sicher rüber gekommen«, sagte Josh und verursachte mit einer zärtlichen Berührung meiner Schulter erneut einen hormonellen Schub, der eine wohlige Gänsehaut über meinen Nacken spannte. Josh wusste vermutlich nicht, wie Recht er hatte: In seiner Gegenwart fühlte ich mich so sicher wie noch nie in meinem Leben.
»Diese Nacht ist magisch«, flüsterte ich und sah hinauf zum Sternenhimmel, der ungewohnt klar über uns schimmerte. In der Tat würde es eine besondere Nacht werden. Heute war der richtige Zeitpunkt, um endlich etwas von meiner Distanz abzulegen und Josh endlich einen ersten Kuss zu gestatten.
Gleich würde es geschehen.
Josh hielt mich noch immer dicht an sich gedrückt, obwohl er mich längst abgesetzt hatte.
Ich hörte an seinem fordernden Atem, dass sein Puls schneller wurde und sein Gesicht sich so unauffällig wie möglich dem meinen näherte. Seine braunen Augen glänzten erwartungsvoll im Mondlicht.
»Weißt du Emma, ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, dass wir mal so vertraut beieinander sitzen würden. Ohne Störungen.«

In dem Moment, in dem er mich küsste, wurde alles um mich herum nebensächlich. Eine tiefgreifende Wärme strömte von seinen Lippen aus und nahm mich in der Kälte der Herbstnacht gefangen.
Mein erster Kuss seit drei Jahren.
Und doch hatte ich die Gefühle, die eigentlich in einem explodierten sollten, anders in Erinnerung. Von dem Sekt beschwipst, den Josh und ich vorhin im Wald aus einer mitgebrachten Flasche getrunken hatten, verdrängte ich den Zweifel, der leise in mir hoch kroch. Wieso nur fühlte es sich auf einen Schlag so falsch an?
»Los, lass uns aus dem Unkraut hier verschwinden«, flüsterte Josh schließlich und zog mich hoch, um mich die Straße entlang zur Universität zu führen.
Er schwieg und ich fragte mich, ob er meine Gedanken während unseres Kusses erraten hatte.
Nur zehn Minuten später erreichten wir das Studentenwohnheim direkt neben der Uni, in dem Josh seit zwei Jahren ein Zimmer bewohnte. Mit einer liebevollen Berührung strich er mir die im Mondlicht silbrig-braun schimmernden Haare aus dem Gesicht und lächelte zaghaft. Wie ein unsicherer Schuljunge stand er da und musterte mich, so, als hätte er Angst, eine Abfuhr auf die Frage zu bekommen, die er mir als nächstes stellte.

»Kommst du noch mit hoch? Du könntest hier übernachten, dann musst du nicht den ganzen Weg nach Preston fahren.«
»Ich weiß nicht«, antwortete ich leise und blickte unsicher gen Boden. Die zuvor so verzauberte Stimmung war einem beklemmenden Gefühl gewichen, das mich umgab wie eine Aura. Es fühlte sich an wie … Angst.
Ohne dass ich hätte erklären können wieso, wollte ich plötzlich nur noch eins: Nach Hause.
»Ich denke, ich sollte besser gehen. Es ist schon spät.«
Als ich meinen Kopf wieder aufrichtete, konnte ich dabei zusehen, wie Josh’s bislang so verständnisvolle Fassade in Sekundenschnelle zu bröckeln begann.
Wie in den Szenen eines Daumenkinos veränderte sich sein Gesichtsausdruck Seite um Seite, bis die Fassade schließlich ohne Vorwarnung gänzlich einstürzte.
»Es reicht mir langsam mit diesem dämlichen Katz-und-Maus-Spiel.«
Sein Blick wirkte fast fiebrig, als er den Kopf schief legte und mich durchdringend musterte. Statt Zärtlichkeit starrte mir nun pure Angriffslust entgegen.
»Entweder du kommst jetzt mit hoch, oder ich besorge es dir gleich hier!«
Verängstigt trat ich einen Schritt zurück und stolperte fast über einen herumliegenden Ast. »Josh, was soll das?«
»Ich sag dir was das soll: Die Pirsch ist zu Ende. Jetzt gehen wir zur Jagd über.«

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